Prof. Dr. Gräsner aus Kiel äußert sich im Interview über Ersthelfende, App-Retter, Telefon-CPR und das Potenzial der nächsten Jahre.
Wie hat sich die Laienreanimation in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren entwickelt? Wo stehen wir heute – und welches Potenzial bleibt noch ungenutzt? Darüber habe ich mit Prof. Dr. Jan-Thorsten Gräsner, FERC (Fellow of the European Resuscitation Council), Direktor des Instituts für Rettungs- und Notfallmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel, gesprochen.
Im Mittelpunkt stehen die aktuellen Zahlen des Deutschen Reanimationsregisters, die Rolle von Ersthelfenden und App-Rettern sowie die Bedeutung von Telefon-CPR, AEDs und Reanimationstrainings.
Herr Prof. Dr. Gräsner, die aktuellen Zahlen des Deutschen Reanimationsregisters zeigen, dass 2025 in 63,1 % der ausgewerteten Fälle bereits vor Eintreffen des Rettungsdienstes mit Wiederbelebungsmaßnahmen begonnen wurde. 53,5 % entfielen dabei auf klassische Ersthelfende, weitere 6,8 % auf First Responder und 2,8 % auf zusätzlich alarmierte Ersthelfende, beispielsweise über Apps. Wie hat sich die Situation aus Ihrer Sicht in den vergangenen zehn Jahren entwickelt? Sehen Sie bei der Laienreanimation und der frühzeitigen Hilfe durch die Bevölkerung einen nachhaltigen positiven Trend?
Prof. Dr. Gräsner:
„Ich sehe bei den „reinen“ Ersthelfendenreanimationen mehr eine Stagnation rund um die 50-52%. Wir sehen aber auch erst jetzt mit dem neuen Datensatz im Register die Wirkung von App-Alarmierten Ersthelfenden. Da aber auch „Nicht-Profist“ App-Retter sind, vermischt sich hier mit Blick auf die Vergangenheit die Datengrundlage. Künftig werden wir alle 3 Bereiche vor dem Rettungsdienst Eintreffen (und mit Telefon-CPR dann 4 Bereiche) separat darstellen und bewerten können. Steigerungen im Ersthelfenden Segment sind sicher noch möglich und notwendig.“
Wenn Sie diese Entwicklung über die vergangenen zehn Jahre betrachten: Sind Sie persönlich mit dem Erreichten zufrieden – oder bleiben wir bei der Laienreanimation und Frühdefibrillation noch deutlich hinter unseren Möglichkeiten zurück? Und gibt es aus Ihrer Sicht einen Punkt, an dem wir uns bei der Ersthelfendenquote oder beim frühzeitigen Einsatz eines AED langfristig orientieren sollten?
„Die Ersthelfendenquote stieg rasant von 17% auf jetzt konstant über 50%, aber die „großen“ Sprünge bleiben in den vergangenen Jahren aus. Daher machen die parallelen Aktivitäten wie App-Retter und Telefon-CPR absolut Sinn. Mit den App Rettern verspreche ich mir auch mehr AED Einsätze, da gezielt Helfende zu einem AED geschickt werden können. Jetzt müssen wir sehen bzw. messen, was das für die Patieten dann real ausmacht. Hier spielt die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes im Vergleich zum Zeitgewinn durch die Ersthelfenden eine entscheidende Rolle. Das wird aber kein „one fits all“ Lösungskonzept, sondern angepasst auf die jeweilige Gebietskörperschaft erst erfolgreich. In der Resuscitation Academy Deutschland zitierenwir gerne unsere Kollegen aus Seattle: „If you have seen one EMS system – you have seen one”.“
Wo sehen Sie aktuell das größte Entwicklungspotenzial, um die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes noch besser zu überbrücken? Welche Rolle spielen dabei insbesondere eine bessere Ausbildung der Bevölkerung, verpflichtende Reanimationstrainings in Schulen, öffentlich zugängliche AEDs, die telefonische Reanimationsanleitung und die zunehmende Alarmierung von Ersthelfenden über Apps?
„Wir brauchen exakt die Mischung bzw. Kombination aller dieser Aktivitäten. Die höhere Gesundheitskompetenz der Bevölkerung, die ersten Kurse in Schulen, aber eben auch die Schöpfung des riesigen Potentials an aktivierbaren App-Rettern. Das sind dann sowohl Profis als auch trainierte Laien.“
Vielen Dank an Herrn Prof. Dr. Thorsten Gräsner vom
UNIVERSITÄTSKLINIKUM Schleswig-Holstein
Institut für Rettungs- und Notfallmedizin
Campus Kiel und Campus Lübeck
für das Interview.

