Zwei Tage voller neuer Erkenntnisse, spannender Gespräche und ganz viel Reanimation.
Am Freitag und Samstag war ich beim diesjährigen GRC-Reanimationsdialog im Europa-Park Stadion in Freiburg dabei. Zwei Tage lang ging es um die Zukunft der Wiederbelebung, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse, neue Entwicklungen, Ausbildung, Leitstellen, Rettungsdienst und natürlich um die Frage, wie wir die Versorgung von Menschen mit einem Kreislaufstillstand weiter verbessern können. Für mich sind solche Veranstaltungen immer etwas Besonderes. Nicht nur, weil man dort viele Menschen trifft, die sich genauso intensiv mit dem Thema Reanimation beschäftigen wie ich, sondern vor allem, weil hier Wissenschaft, Erfahrung und Praxis zusammenkommen.
Immer auf dem neuesten Stand
Ein ganz wichtiger Grund, warum mir der GRC-Reanimationsdialog und vergleichbare Veranstaltungen so wichtig sind, ist die Möglichkeit, fachlich auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Auf solchen Kongressen werden die neuesten Studien vorgestellt und aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse diskutiert. Gleichzeitig greifen viele Referentinnen und Referenten auch auf ältere Studien zurück und setzen diese mit neuen Erkenntnissen in Zusammenhang. Dadurch bekommt man einen sehr guten Überblick darüber, was wir heute über Reanimation wissen, welche Erkenntnisse sich bestätigt haben und wo es neue Entwicklungen gibt.
Gerade bei einem Thema wie der Wiederbelebung ist das für mich enorm wichtig. Empfehlungen und Behandlungskonzepte entwickeln sich weiter – und wenn wir Menschen in Reanimation ausbilden, sollten wir ihnen natürlich möglichst das Wissen vermitteln, das dem aktuellen Stand der Wissenschaft entspricht. Für mich bedeutet Fortbildung deshalb nicht einfach, regelmäßig eine Veranstaltung zu besuchen. Es bedeutet, neugierig zu bleiben, wissenschaftliche Entwicklungen zu verfolgen, bestehendes Wissen zu hinterfragen und das eigene Wissen immer wieder zu aktualisieren.
Nur wenn wir selbst auf dem neuesten Stand bleiben, können wir auch andere aktuell und fundiert ausbilden.
Kontroverse Diskussionen gehören dazu
Besonders interessant finde ich bei solchen Veranstaltungen immer die offenen und kontroversen Diskussionen. Erfahrungen aus der Praxis und wissenschaftliche Erkenntnisse werden nicht einfach als gegeben hingenommen, sondern immer wieder hinterfragt, miteinander verglichen und neu bewertet. Gerade die Pro- und Contra-Diskussion zur Beatmung während der Reanimation fand ich deshalb besonders spannend. Unterschiedliche Sichtweisen auf ein so wichtiges Thema zu hören und die jeweiligen Argumente kennenzulernen, ist für mich ein wesentlicher Bestandteil guter Fortbildung.
Wie könnte Reanimation 2040 aussehen?
Bereits die Eröffnung des Reanimationsdialogs beschäftigte sich mit einer spannenden Frage:
„Wie könnte Reanimation 2040 aussehen?“
Dabei ging es nicht nur um futuristische Ideen, sondern um ganz konkrete Möglichkeiten, wie wir die Versorgung eines Menschen mit Kreislaufstillstand in Zukunft noch schneller und besser machen können. Ein Beispiel ist die Frage,
wie ein AED (Automatisierter Externer Defibrillator) noch schneller zum Patienten gebracht werden kann. Könnten beispielsweise Drohnen dabei helfen, einen AED innerhalb kürzester Zeit an den Einsatzort zu bringen?
Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie wir die bereits vorhandenen AEDs besser in die Rettungskette einbinden können. Viele Geräte befinden sich heute an öffentlichen Orten, in Unternehmen, Sportstätten oder anderen Einrichtungen. Entscheidend ist also nicht nur, dass ein AED vorhanden ist, sondern auch, dass bekannt ist, wo er sich befindet und wie er im Notfall möglichst schnell zum Patienten gelangt.
Ein weiterer spannender Gedanke betrifft die Telefonreanimation.
Leitstellendisponenten unterstützen heute bereits Menschen am Telefon dabei, eine Reanimation durchzuführen. Doch wie könnte diese Unterstützung in Zukunft noch weitergehen? Eine Möglichkeit wäre beispielsweise, dass der Disponent nicht nur telefonisch anleitet, sondern über eine Videoverbindung sehen kann, was am Patienten passiert und wie die Herzdruckmassage durchgeführt wird. Dadurch könnte die Unterstützung noch unmittelbarer und gezielter erfolgen.
Genau solche Fragen zeigen für mich, warum es wichtig ist, nicht nur über den heutigen Stand der Reanimation zu sprechen, sondern auch darüber nachzudenken, was morgen möglich sein könnte. Denn jede gewonnene Sekunde bis zur Herzdruckmassage oder Defibrillation kann entscheidend sein.
Und gleichzeitig darf bei allen technischen Möglichkeiten eines nicht vergessen werden: Am Anfang der Überlebenskette steht immer der Mensch, der den Kreislaufstillstand erkennt und handelt.
Kindernotfälle – ein Thema, das besonders belastet
Besonders beschäftigt hat mich der Themenbereich pädiatrische Notfälle.
Wenn ein Kind plötzlich reanimationspflichtig wird, ist das für Angehörige, aber auch für professionelle Helferinnen und Helfer eine extreme Situation. Gerade deshalb sind eine gute Ausbildung, regelmäßiges Training und realitätsnahe Übungsmöglichkeiten so wichtig. Im Reanimationsdialog wurden dabei nicht nur aktuelle Empfehlungen und Leitlinien thematisiert. Auch High-Fidelity-Training und die psychische Belastung nach solchen Einsätzen spielten eine wichtige Rolle.
Ein Punkt, der meiner Meinung nach häufig unterschätzt wird:
Mit dem Ende einer Reanimation ist der Einsatz für die Beteiligten nicht automatisch vorbei. Auch die Verarbeitung eines solchen Ereignisses gehört dazu.
Frauen und Reanimation – wir müssen genauer hinschauen
Ein weiteres Thema, das mich in Freiburg besonders beschäftigt hat, war die Frage nach geschlechtsspezifischen Unterschieden bei der Reanimation. Doreen Reinbacher hat in ihrem Vortrag den Fokus noch einmal darauf gelegt, dass Frauen bei einem Kreislaufstillstand genauso konsequent und schnell reanimiert werden müssen wie Männer. Das klingt zunächst selbstverständlich. Trotzdem gibt es wissenschaftliche Hinweise darauf, dass sich die Versorgung und die Überlebenschancen zwischen Frauen und Männern unterscheiden können. Für mich ist das nicht nur ein wissenschaftliches Thema. Es muss auch Auswirkungen auf unsere Ausbildung haben. Denn wenn wir Menschen für die Wiederbelebung ausbilden, müssen wir ihnen die Möglichkeit geben,
Reanimation an unterschiedlichen Körpern realitätsnah zu trainieren.
Und genau hier kommt auch die Frage nach unseren Reanimationspuppen ins Spiel.
Wir brauchen mehr weibliche Reanimationspuppen
Zu diesem Thema durfte ich auch ein sehr interessantes Interview mit einem Mitarbeiter der Firma Laerdal führen. Im Mittelpunkt stand die Frage, warum wir in der Ausbildung und beim Training nicht viel häufiger Reanimationspuppen einsetzen, die einen weiblichen Oberkörper beziehungsweise einen weiblichen Torso darstellen. Wenn Menschen beim Training fast ausschließlich männlich dargestellte Reanimationspuppen sehen, kann das möglicherweise auch unsere Wahrnehmung davon beeinflussen, wie ein Mensch mit Kreislaufstillstand aussieht. Wir müssen deshalb auch bei unseren Trainingsmaterialien dafür sorgen, dass die Realität besser abgebildet wird.
Frauen brauchen bei einem Kreislaufstillstand genauso unsere Hilfe wie Männer.
Für mich ist deshalb klar: Wir brauchen mehr unterschiedliche Reanimationspuppen – und insbesondere mehr Trainingspuppen, bei denen für die Teilnehmenden erkennbar ist, dass es sich um einen weiblichen Körper handelt. Das ist nicht nur eine Frage der Ausstattung. Es geht auch darum, Wahrnehmung zu verändern und Hemmschwellen abzubauen.
Wie müssen wir Erste-Hilfe-Kurse in Zukunft gestalten?
Ein Thema, das sich durch die beiden Tage immer wieder gezogen hat, war auch die Frage: Wie können wir Erste-Hilfe-Kurse in Zukunft noch besser und zielgerichteter gestalten? Dabei wurde unter anderem sehr intensiv über die Seitenlage diskutiert.
Die Seitenlage ist vielen Menschen aus Erste-Hilfe-Kursen bekannt. Gleichzeitig wurde beim Reanimationsdialog kritisch hinterfragt, ob sie in der bisherigen Form in Erste-Hilfe-Kursen weiterhin den Stellenwert haben sollte, den sie heute noch besitzt. Der Hintergrund ist besonders relevant für die Laienreanimation:
Eine bewusstlose Person muss zunächst darauf überprüft werden, ob eine normale Atmung vorhanden ist. Denn wenn keine normale Atmung vorhanden ist, darf nicht die Seitenlage im Vordergrund stehen – dann müssen sofort der Notruf und die Herzdruckmassage eingeleitet werden. Genau hier liegt ein mögliches Problem: Wird die Seitenlage zu stark als Standardmaßnahme für eine bewusstlose Person vermittelt, besteht die Gefahr, dass Menschen eine Person in die Seitenlage bringen, obwohl eigentlich ein Kreislaufstillstand vorliegt und eine Reanimation notwendig wäre.
Einige führende Vertreterinnen und Vertreter des GRC diskutierten deshalb sogar die grundsätzliche Frage, ob die Seitenlage in Zukunft überhaupt noch Bestandteil klassischer Erste-Hilfe-Kurse sein sollte.
Dabei geht es nicht darum, eine Maßnahme einfach abzuschaffen. Es geht vielmehr um die Frage: Was müssen Menschen in einem Notfall wirklich können und wissen, damit sie die richtige Entscheidung treffen?
Für mich ist das ein ausgesprochen wichtiger Ansatz.
Erste-Hilfe-Ausbildung darf nicht darin bestehen, möglichst viele einzelne Handgriffe auswendig zu lernen. Sie muss Menschen vor allem dabei unterstützen, eine Notfallsituation richtig einzuschätzen und die entscheidenden Maßnahmen einzuleiten. Denn bei einem Kreislaufstillstand zählt jede Sekunde.
Viele spannende Gespräche und Interviews
Neben den Vorträgen hatte ich in Freiburg außerdem die Möglichkeit, mehrere interessante Interviews zu führen. Ich durfte mit Prof. Dr. Bernd Böttiger, dem Vorstandsvorsitzenden des Deutschen Rates für Wiederbelebung, sprechen.
Außerdem führte ich ein Gespräch mit Michael Müller aus dem Exekutivkomitee des Deutschen Rates für Wiederbelebung, der auch maßgeblich an der Organisation des Reanimationsdialogs beteiligt war.
Mit Doreen Reinbacher habe ich über die geschlechtsspezifischen Aspekte der Reanimation und die Frage gesprochen, warum wir Frauen bei der Wiederbelebung noch stärker in den Fokus nehmen müssen.
Und auch das Gespräch mit einem Mitarbeiter von Laerdal über weiblich dargestellte Reanimationspuppen war für mich besonders interessant. Diese Gespräche waren für mich ein echtes Highlight des Reanimationsdialogs.
Denn man bekommt dadurch nicht nur Informationen aus einem Vortrag. Man kann nachfragen, Gedanken vertiefen und unterschiedliche Perspektiven kennenlernen. Die Interviews werde ich in den kommenden Tagen und Wochen nach und nach hier auf meiner Homepage und in meinen sozialen Medien veröffentlichen.
Auch „Laienreanimation kann jeder!“ wurde wahrgenommen
Besonders gefreut hat mich während der beiden Tage, dass mich immer wieder Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf mein Projekt „Laienreanimation kann jeder!“ angesprochen haben.
Durch meine Kleidung mit dem entsprechenden Logo wurde das Projekt auch in Freiburg sichtbar – und genau solche Gespräche haben mir gezeigt, dass „Laienreanimation kann jeder!“ mittlerweile auch über die Grenzen von Hagen hinaus wahrgenommen wird. Für mich eine schöne Bestätigung und gleichzeitig zusätzliche Motivation, weiterzumachen.
Was nehme ich aus Freiburg mit?
Nach zwei intensiven Tagen fahre ich mit vielen neuen Eindrücken, neuen Kontakten und vor allem mit noch mehr Motivation zurück nach Hagen. Der GRC-Reanimationsdialog hat mir einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist, wissenschaftliche Erkenntnisse, professionelle Ausbildung und die Realität der Laienreanimation miteinander zu verbinden. Denn am Ende geht es nicht nur um Studien, Leitlinien oder Kongresse. Es geht um den Menschen, der irgendwann neben einem zusammenbrechenden Angehörigen, Kollegen, Freund oder einer fremden Person steht.
Ein herzliches Dankeschön geht raus an das gesamte Team des Deutschen Rates für Wiederbelebung (GRC) für die Organisation und diese zwei intensiven Tage in Freiburg.
Ich nehme viel Wissen, viele neue Gedanken und jede Menge Motivation mit nach Hause. Und natürlich werde ich versuchen, möglichst viel davon weiterzugeben.
Denn:
Laienreanimation kann jeder!
PRÜFEN! RUFEN! DRÜCKEN!














