Vergiftungen im Kindesalter

Nach Stürzen sind Vergiftungen für Kinder die zweithäufigste Unfallart.

Bei Kindern spricht man besser von „Ingestionen“, also von Verschlucken (Aufnahme in den Verdauungstrakt) von Haushaltsprodukten, Körperpflegeprodukte, Medikamenten, Pflanzen sowie ätherischen und Lampenölen. Am häufigsten kommt es zu Unfällen mit Haushaltsreinigern und Körperpflege-produkten, welche in der Regel ohne ernste Gesundheitsbeeinträchtigungen einhergehen. Betroffen sind vor allem Kleinkinder unter 4 Jahren, die neugierig die Welt erkunden. Je nach Entwicklungs-stand, gibt es unterschiedliche Gefahrenzonen. Beginnen die Kleinen zu greifen, sind es vor allem Cremes und Medikamente die auf der Wickelkommode stehen. Im Krabbelalter alle bodennahe Aufbewahrungsmöglichkeiten wie Beispielsweise Putzmittel unter der Küchenspüle. Beginnen die Kinder zu stehen und gehen, rutscht ihr Aufmerksamkeitsfeld eine Ebene höher. Dabei halten sie sich an niedrigen Möbelstücken fest und erreichen dabei Pflanzen oder Aschenbecher die dort stehen. Sind sie im Gang sicher, startet die Kletterphase und Regale und Tische werden erkundet. Somit lässt sich auch erklären, warum fast die Hälfte aller Unfälle durch Haushalts- und Drogerieprodukte passieren.

Kommt es einmal zu einem Unfall ist oberstes Gebot: Ruhe bewahren! Nicht auf Beschwerden warten, sondern sofort handeln. Sollte das Kind eine Atemstörung entwickeln oder über starke Schmerzen klagen sofort Notruf 112 absetzen. In allen anderen Fällen geben Sie Ihrem Kind Tee, Wasser (ohne Kohlensäure) oder Saft zu trinken. Lösen Sie kein Erbrechen durch mechanische Stimulation oder Salzwasser aus! Ihr Kind wird nur unvollständig erbrechen und die Gefahr der Aspiration und der Kochsalzvergiftung (1 Teelöffel kann für Kinder schon eine tödliche Dosis sein!) sind viel zu groß. Auch Neutralisationsversuche wie z.B. mit Milch sind gefährliche Hausmittel-Tipps. Die Milch würde unter Umständen sogar die Aufnahme der Gifte aus dem Darm begünstigen! Bei Dämpfen/Gasen, ziehen Sie ihr Kind aus und bringen es an die frische Luft.

Die Berliner Charité betreut täglich 24h die bundesweite Giftnotzentrale. Dort erhalten Sie kostenlos telefonisch ärztliche Hilfe unter der Nummer: 030 – 19240.

Die Ärzte dort werden Ihnen bei Anruf folgende Fragen stellen:

  1. Wem ist es passiert? (Alter, Gewicht)
  2. Was wurde eingenommen?
  3. Wann ist es passiert?
  4. Wieviel wurde aufgenommen?
  5. Wie wurde es aufgenommen? (getrunken, gegessen, eingeatmet, Hautkontakt)
  6. Wie geht es der Person?
  7. Was wurde bereits unternommen?
  8. Wo ist es passiert?
  9. Wer ruft an? (Name und Rückrufnummer)

Nach dem Anruf folgen Sie den Anweisungen/Empfehlungen der Giftnotzentrale. Nehmen Sie unbedingt die Verpackung, Flasche, Pflanze, Erbrochenes etc. mit zum Arzt oder ins Krankenhaus! Für den Transport gilt: Sicherheit geht vor Schnelligkeit! Wenn Sie die Empfehlung bekommen, den Rettungsdienst zu rufen, folgen Sie dieser unbedingt! Da es trotz vermeintlich kurzer Wege zum Arzt oder in das nächste Krankenhaus unterwegs zur Verschlechterung des Gesundheitszustandes Ihres Kindes kommen kann.

Versuchen Sie Unfälle nicht aus Angst vor juristischen Konsequenzen zu bagatellisieren oder aus Sorge zu dramatisieren. Für die Behandlung Ihres Kindes sind möglichst präzise Angabe zu Menge und Zeitpunkt wichtig.

Für die Erstbehandlung (nach Anordnung des Arztes/der Giftnotzentrale) sollten Sie in Ihrer Hausapotheke unbedingt folgendes bereithalten (Empfehlung der BfR – Bundeinstitut für Risikobewertung):

  • Entschäumer/Entbläher mit dem Wirkstoff Dimeticon/Simeticon (Sab Simplex®, Lefax®)
  • Medizinische Kohle in Pulverform (Aktivkohle bindet innerhalb von 90 Sek. im Magen befindliche Stoffe, so dass diese nicht mehr ins Blut aufgenommen werden) mindestens 5g pro Kind
  • Schmerzmittel in Saft- und Zäpfchenform (Paracetamol, Ibuprofen)
  • Gel zur Therapie von Insektenstichen (Antihistaminikum)
  • Mittel zur Wunddesinfektion
  • Pflaster/steriles Verbandsmaterial

 

Vom Bundesinstitut für Risikobewertung gibt es eine kostenlose App zum Thema: Vergiftungsunfälle bei Kindern. Diese App ersetzt den Notruf oder Anruf bei der Giftnotzentrale nicht, bietet aber eine wertvolle Unterstützung im Notfall.

Text und Recherche: Christina Glasmeyer (Fachgesundheits- und Kinderkrankenpflegerin für Intensivpflege und Anästhesie)