Ein Herz-Kreislauf-Stillstand ist immer ein medizinischer Notfall – unabhängig davon, ob ein Mann oder eine Frau betroffen ist. Trotzdem gibt es Hinweise darauf, dass Frauen in einer solchen Situation seltener eine Wiederbelebung durch anwesende Ersthelfer erhalten. Doch woran liegt das? Und was können wir dagegen tun?
Diese Frage beschäftigt mich schon seit längerer Zeit. Als Fachgesundheits- und Krankenpfleger für Anästhesie und Intensivmedizin und im Rahmen meines Projekts „Laienreanimation kann jeder!“ setze ich mich dafür ein, möglichst viele Menschen für das Thema Wiederbelebung zu sensibilisieren. Dabei geht es nicht nur darum, die richtigen Handgriffe zu vermitteln. Wir müssen auch die Ängste und Unsicherheiten ernst nehmen, die Menschen davon abhalten können, im entscheidenden Moment zu helfen.
Wissenschaftliche Untersuchungen liefern hierzu bemerkenswerte Hinweise.
Warum erhalten Frauen seltener Hilfe?
Studien deuten darauf hin, dass Frauen bei einem außerklinischen Herz-Kreislauf-Stillstand unter bestimmten Bedingungen seltener eine Laienreanimation erhalten als Männer. Dieses Phänomen ist besonders relevant, weil die schnelle Einleitung der Wiederbelebung entscheidend für die Überlebenschancen der betroffenen Person sein kann.
Doch die Ursachen sind vielschichtig. Neben möglichen Unterschieden in der Wahrnehmung eines Notfalls spielen offenbar auch gesellschaftliche Vorstellungen, Unsicherheiten und persönliche Ängste eine Rolle.
Eine Untersuchung unter Beteiligung von Sarah M. Perman und ihrem Forschungsteam beschäftigte sich mit der Frage, welche Vorbehalte Menschen davon abhalten könnten, bei Frauen eine Wiederbelebung durchzuführen.
Dabei wurden verschiedene mögliche Hemmnisse deutlich:
- Angst, die betroffene Frau zu verletzen: Manche Menschen befürchten, bei der Herzdruckmassage Rippen oder andere Strukturen zu verletzen.
- Sexualisierung des weiblichen Körpers: Die weibliche Brust kann bei der Vorstellung einer Wiederbelebung eine zusätzliche Hemmschwelle darstellen.
- Angst vor unangemessenem Berühren: Einige potenzielle Ersthelfer sind unsicher, wo und wie sie eine Frau berühren dürfen.
- Sorge vor rechtlichen oder gesellschaftlichen Vorwürfen: Insbesondere Männer können befürchten, dass ihnen sexuelle Belästigung oder ein Übergriff unterstellt wird.
- Falsche Vorstellungen über das Herzstillstandsrisiko: Es besteht mitunter die Annahme, dass Frauen seltener einen Herzstillstand erleiden und deshalb weniger häufig betroffen seien.
- Fehlende Ernstnahme der Symptome: Auch geschlechtsspezifische Vorurteile bei der Einschätzung gesundheitlicher Beschwerden können dazu beitragen, dass die Notwendigkeit einer sofortigen Hilfe nicht erkannt wird.
Diese möglichen Hemmnisse zeigen, dass das Problem nicht ausschließlich auf fehlendes Wissen über die Wiederbelebung zurückzuführen ist. Auch die persönliche Einstellung und die Angst vor möglichen Konsequenzen können eine Rolle spielen.
Männer und Frauen als Ersthelfer: Gibt es Unterschiede?
Besonders interessant sind weiterführende Untersuchungen, die sich mit den möglichen Unterschieden zwischen männlichen und weiblichen Helfern beschäftigen. In einer 2024 veröffentlichten Untersuchung wurden unterschiedliche Bedenken sichtbar: Bei männlichen Helfern standen insbesondere die Sorge vor einem Vorwurf sexuellen Fehlverhaltens und die Angst vor unangemessenem Berühren im Vordergrund. Weibliche Helfer äußerten dagegen vor allem die Befürchtung, die betroffene Frau körperlich zu verletzen.
Diese Ergebnisse sind wichtige Hinweise darauf, dass Aufklärungsarbeit unterschiedliche Ängste berücksichtigen muss. Sie sollten allerdings nicht dahingehend missverstanden werden, dass alle Männer oder Frauen gleichermaßen denken oder handeln. Ebenso lassen sich aus Befragungen zu wahrgenommenen Hemmnissen nicht automatisch die tatsächlichen Gründe für Unterschiede bei realen Reanimationen ableiten.
Entscheidend ist vielmehr die Erkenntnis, dass Menschen möglicherweise zögern, obwohl sie grundsätzlich bereit wären zu helfen.
Herzdruckmassage: Verletzungen dürfen kein Grund sein, nicht zu helfen
Eine Sorge, die in Reanimationskursen immer wieder zur Sprache kommt, ist die Angst, durch eine Herzdruckmassage Verletzungen zu verursachen. Ja, bei einer Wiederbelebung können Rippenbrüche und andere Verletzungen entstehen. Das gilt für Frauen ebenso wie für Männer. Eine korrekt durchgeführte Herzdruckmassage ist jedoch eine lebensrettende Maßnahme, die bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand unverzüglich begonnen werden muss.
Wenn ein Mensch bewusstlos ist und nicht normal atmet, besteht der dringende Verdacht auf einen Herz-Kreislauf-Stillstand. Dann kommt es darauf an, schnell zu handeln.
Die Angst vor einer möglichen Verletzung darf nicht dazu führen, dass auf eine notwendige Wiederbelebung verzichtet wird. Ohne Herzdruckmassage wird das Gehirn nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Mit jeder Minute ohne wirksame Wiederbelebungsmaßnahmen sinken die Überlebenschancen. Das Ziel ist deshalb nicht, jede Verletzung auszuschließen. Das Ziel ist, einen Menschen mit einem Herz-Kreislauf-Stillstand durch sofortige und wirksame Maßnahmen am Leben zu halten.
Darf ich eine Frau bei der Wiederbelebung an der Brust berühren?
Diese Frage beschäftigt manche Menschen mehr, als man zunächst vermuten würde. Gerade Männer haben teilweise Sorge, dass eine notwendige Berührung im Rahmen der Wiederbelebung falsch interpretiert werden könnte.
Dabei ist die medizinische Vorgehensweise eindeutig: Die Herzdruckmassage wird bei Frauen und Männern an derselben anatomischen Stelle durchgeführt. Der Druckpunkt befindet sich in der Mitte des Brustkorbs, auf der unteren Hälfte des Brustbeins. Die Hände werden dort positioniert, um den Brustkorb wirksam zu komprimieren. Die weibliche Brust ist kein Grund, die Herzdruckmassage zu verzögern oder auf sie zu verzichten. Natürlich gilt auch in einer Notfallsituation der Grundsatz, respektvoll mit anderen Menschen umzugehen. Bei einer bewusstlosen Person mit Verdacht auf Herz-Kreislauf-Stillstand muss jedoch die notwendige medizinische Hilfe im Vordergrund stehen. Wer eine bewusstlose Person reanimiert, handelt mit dem Ziel, deren Leben zu retten. Die erforderliche Berührung im Rahmen einer fachgerecht durchgeführten Wiederbelebung ist eine lebensrettende Maßnahme und kein unangemessener Übergriff.
Frauen erleiden ebenfalls einen Herz-Kreislauf-Stillstand
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Wahrnehmung des Risikos. Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden häufig mit Männern in Verbindung gebracht. Daraus kann der falsche Eindruck entstehen, dass Frauen seltener von einem Herzstillstand betroffen seien.
Tatsächlich können Frauen und Männer gleichermaßen einen Herz-Kreislauf-Stillstand erleiden. Die Symptome, die einem solchen Ereignis vorausgehen, können unterschiedlich ausgeprägt sein. Das ändert jedoch nichts an den notwendigen Sofortmaßnahmen, wenn ein Mensch bewusstlos ist und nicht normal atmet. Ein Herzstillstand ist keine Frage des Geschlechts. Deshalb muss die Bereitschaft zur Ersten Hilfe unabhängig davon bestehen, wer vor uns zusammenbricht.
Was wir in der Erste-Hilfe-Ausbildung verändern müssen
Aus meiner Sicht müssen wir in der Reanimationsausbildung mehr vermitteln als die reine Technik der Herzdruckmassage. Natürlich sind praktische Übungen unverzichtbar. Menschen müssen lernen, einen Notfall zu erkennen, den Notruf abzusetzen und eine Herzdruckmassage durchzuführen. Auch der Einsatz eines AED (Automatisierter Externer Defibrillator) sollte regelmäßig trainiert werden.
Genauso wichtig ist es aber, typische Ängste offen anzusprechen. Dazu gehören Fragen wie:
- Was ist, wenn ich bei der Herzdruckmassage eine Rippe breche?
- Darf ich eine fremde Person an der Brust berühren?
- Was passiert, wenn mir nach der Hilfeleistung ein Vorwurf gemacht wird?
- Wie erkenne ich, ob tatsächlich ein Herzstillstand vorliegt?
- Muss ich bei einer Frau etwas anders machen als bei einem Mann?
Solche Fragen dürfen in einem Erste-Hilfe-Kurs nicht als nebensächlich abgetan werden. Sie müssen offen und verständlich beantwortet werden. Denn wer seine Ängste kennt und gelernt hat, mit ihnen umzugehen, kann in einer Notsituation eher handlungsfähig bleiben. Dazu gehört auch, unterschiedliche Notfallsituationen praktisch zu üben und deutlich zu machen: Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand zählt nicht das Geschlecht der betroffenen Person, sondern die schnelle und richtige Hilfe.
PRÜFEN! RUFEN! DRÜCKEN!
Wenn ein Mensch plötzlich zusammenbricht, sollte man nicht lange überlegen, ob die betroffene Person männlich oder weiblich ist.
PRÜFEN! Prüfen, ob die Person reagiert und normal atmet. Bei Bewusstlosigkeit und fehlender oder nicht normaler Atmung muss von einem Herz-Kreislauf-Stillstand ausgegangen werden.
RUFEN! Den Notruf 112 wählen oder eine andere Person gezielt damit beauftragen. Das Telefon möglichst auf Lautsprecher stellen und den Anweisungen der Leitstelle folgen.
DRÜCKEN! Unverzüglich mit der Herzdruckmassage beginnen. Den Brustkorb in der Mitte, auf der unteren Hälfte des Brustbeins, kräftig und schnell komprimieren. Die Leitstelle kann dabei telefonisch unterstützen.
Wenn ein AED verfügbar ist, sollte eine weitere Person ihn holen und entsprechend den Sprachanweisungen einsetzen.
Wer die Wiederbelebung nicht regelmäßig trainiert hat, sollte sich nicht davon abhalten lassen, zu helfen. Die telefonische Anleitung durch die Leitstelle kann wichtige Unterstützung bieten.
Fazit: Hilfe darf keine Frage des Geschlechts sein
Die Frage, warum Frauen bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand möglicherweise seltener eine Laienreanimation erhalten, macht deutlich, wie wichtig eine umfassende Aufklärung ist. Wir müssen nicht nur vermitteln, wie eine Wiederbelebung funktioniert. Wir müssen auch erklären, warum sie notwendig ist, welche Ängste unbegründet vom Helfen abhalten können und weshalb ein schnelles Eingreifen entscheidend ist.
Genau dafür steht mein Projekt „Laienreanimation kann jeder!“: Menschen die Angst vor der Wiederbelebung zu nehmen, Wissen zu vermitteln und sie zu ermutigen, im Notfall Verantwortung zu übernehmen. Niemand soll aus Unsicherheit wegsehen, wenn ein anderer Mensch lebensbedrohlich zusammenbricht. Es geht nicht darum, alles perfekt zu machen. Es geht darum, überhaupt zu handeln und die bestmögliche Hilfe zu leisten.
Denn am Ende sollte es keinen Unterschied machen, ob vor uns ein Mann oder eine Frau zusammenbricht.

