Die Telefonreanimation. Ein Interview zum Thema.

Die Telefonreanimation

Seit 2010 ist sie Bestandteil der aktuellen Reanimationsrichtlinien, die Telefonreanimation. Hier soll der Leitstellendisponent bei der Annahme des Hilfeersuchens am Telefon bereits den Herzstillstand erkennen und den Anrufer in der Wiederbelebung telefonisch anleiten. Ziel ist es, das freie Intervall (das ist die Zeit vom Unfall bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes) so kurz wie möglich zu halten.
Ich konnte zu diesem Thema ein Interview mit Herrn Michael Pölcher führen. Er ist stellv. Leiter der Leitstelle Solingen-Wuppertal der Feuerwehr .

LKJ: Seit wann setzen Sie von der Feuerwehrleitstelle Solingen-Wuppertal die Telefonreanimation um und welche Erfahrungen haben Sie in den letzten Jahren gesammelt.

Michael Pölcher: Die Telefonreanimation haben wir verbindlich ab dem Jahre 2014 eingeführt. Vorher haben wir die freiwilligen Bemühungen einiger Kollegen unterstützt. Als Erfahrungswerte konnten wir unsere Erkenntnisse aus dem „Change-Management“ einbringen. Dabei geht es um eine strukturierte Vorgehensweise bei Veränderungen. Im Sinne unseres Führungsverständnisses überzeugen wir unsere Disponenten von der Notwendigkeit einer Veränderung durch Transparente Prozesse und Entscheidungen. Eine frühe konstruktive Einbindung der Personalvertreter gehört ebenfalls dazu.
LKJ: Was hat Sie dazu bewogen, die Telefonanweisungen zur Wiederbelebung durch Laienhelfer umzusetzen?

M.P.: An der Stelle sind wir „Überzeugungstäter“. Aus Reihen der Disponenten und der ärztlichen Leitung kamen immer wieder positive Meldungen aus anderen Leitstellen im ganzen Bundesgebiet. Irgendwann landete dann ein Präsentation mit einem abgestimmten Wortlaut als technische Unterstützung bei uns. Nun trauten sich weitere Disponenten an die Thematik heran. Mit ebenfalls positiven Erfolg. Allerdings gab es keine Garantie für den Erfolg. Alles was wir hatten war ein neues Werkzeug. Gegen die Möglichkeit, Leben schon am Telefon zu retten, gibt es jedoch langfristig keine Argumentation.
LKJ: Wie oft konnten Sie bisher die Notfallzeugen durch die telefonischen Anweisungen in den Ersthelfermaßnahmen unterstützen? Lässt sich ein Erfolg in Zahlen ausdrücken?

M.P.: Generell ist es unser Bestreben den Anrufern Anleitungen für die Erstmaßnahmen zu geben. Für das Jahr 2014 haben wir neben 106 sonstigen Anweisungen auch in 116 erkannten Situationen der Reanimation eine Telefonreanimation angeboten. In lediglich 65 Fällen wurde diese Hilfestellung seitens der Anrufer angenommen. [Qualitätsbericht 2014,S.20] Dies hat uns dazu bewogen vom Angebot der Reanimation abzurücken. Nun fordern wir aktiv zur Reanimation auf. Deshalb erwarten wir für das Jahr 2015 steigende Zahlen für die durchgeführten Telefonreanimationen.
Wann eine Telefonreanimation erfolgreich war, ist derzeit noch nicht festgelegt. Sicherlich gibt es mehr Patienten die mit einem Spontankreislauf unsere Herzzentren erreichen als früher. Aber ab wann spricht man von Erfolg? Überleben nach Reanimation > 4 Wochen, 8 Wochen, 1 Jahr? Hier fehlen noch einheitliche Vereinbarungen, um ein Benchmarking betreiben zu können. Ebenso hat erst die im Sommer erfolgte Änderung des Gesetzes über den Rettungsdienst in NRW uns die Möglichkeit eingeräumt, Patientendaten zu erhalten. Die Prozesse müssen nun mit den Kliniken abgestimmt werden, um seriöse Zahlen zu generieren.
Als Erfolg bewerten wir aber definitiv ein Treffen im Rahmen der Fachtagung „Von der Kunst ein Leben zu retten“ am 11.September 2015 in der historischen Wuppertaler Stadthalle. Zwei im August 2015 reanimierte Patienten standen nur wenige Wochen später ihren Lebensrettern vom Telefon gegenüber und konnten sich persönlich bedanken. [Bericht ist im Anhang]
LKJ: Führt jeder Leitstellendisponent diese Telefonate durch, oder muss man hierfür eine bestimmte Schulung haben?

M.P.: Jeder Disponent ist verbindlich angehalten, eine Telefonreanimation einzuleiten. Doch nicht immer gelingt uns dies. Die Barriere zwischen Anrufer und Disponent ist manchmal zu groß. Häufig ist es ein sprachliches Problem. Deshalb haben wir allen Disponenten eine umfangreiche Kommunikationsschulung ermöglicht. Diese ist auch Bestandteil unserer Leitstellenausbildung im eigenen Hause. Aus Psychologischer Sicht war dies ein Baustein des „Change-Managements“ (siehe Frage 1), damit die Disponenten neben der technischen Unterstützung auch eine persönliche Unterstützung erhielten.
LKJ: Welche Stör- und Fehlerquellen können auftreten? Sowohl von Seite des Anrufers und des Mitarbeiters?

M.P.: Natürlich gibt es bei jedem Notruf die Möglichkeit von Verbindungsproblemen. Ungünstig sind auch drahtgebundene Telefonapparate, wenn der Patient nicht im gleichen Raum ist. Laute Umgebungsgeräusche sind ebenfalls sehr hinderlich. Körperliche Einschränkungen der Anrufer können meist durch hinzuziehen von Nachbarn oder Familienmitgliedern kompensiert werden.
Die größten Probleme sind Hysterie oder Fremdsprachen.

LKJ: Haben Sie eine genaue Handlungsanweisung für die Mitarbeiter verfasst? Und wenn ja, wo liegen die unmittelbaren Schwerpunkte für den Notfallzeugen?

M.P.: Die Disponenten werden von einer Präsentation unterstützt. Es hat sich gezeigt, dass dieser Wortlaut abgestimmt werden muss. Wenn sie dem Anrufer nach den ersten Anweisungen sagen, „.. machen Sie dem Patienten den Oberkörper frei und drücken Sie nun in der Mitte auf die Brust“, dann sind Sie schon verwundert wenn der Anrufer entgegnet: „Dann gehe ich jetzt wohl besser mal zum Patienten“. Deshalb haben wir die Frage „Sind sie jetzt direkt beim Patienten?“ mit in den Dialog aufgenommen.
Ansonsten gilt: HHH – Hauptsache Heftige Herzmassage

LKJ: Können Sie sagen, wie viele Leitstellen deutschlandweit an diesem Projekt teilnehmen?

M.P.: Es werden täglich mehr.

LKJ: Vielen Dank Herr Pölcher für das Interview.

Jens Schilling (LKJ)

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