Telefonortung im Notfall. Wie geht das?

Telefonortung im Notfall. Ein Interview mit Herrn Martin Gust von der Feuerwehr Hagen.

Ein Link bei Facebook über das Verbot der Telefonortung im Notfall hat viele Reaktionen hervorgerufen. Aus diesem Grund hier ein Interview mit Herrn Martin Gust. Er ist Feuerwehrbeamter und Leiter der Einheitlichen Leitstelle für Brandschutz, Rettungsdienst und Großschadenabwehr der Stadt Hagen.
Damit der Text nicht zu lang wird, teilen wir ihn in zwei Artikel auf.
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Frage: Welche Vorgehensweise haben Sie von der Leitstelle, wenn sich eine Person bei Ihnen meldet, die sich in hilfloser Lage an einem unbekannten Ort befindet? Welche Möglichkeiten der Ortung können Sie vornehmen?

Antwort: Eine Ortung des Mobiltelefons ist zurzeit nur von der Polizei möglich. Dieses Verfahren ist jedoch sehr aufwändig und zeitintensiv, da zunächst der Dienststellenleiter oder Vertreter der Polizei zustimmen muss und dann die Ortung von einer anderen Stelle aus durchgeführt wird. Darüber hinaus sind die Ortungen sehr ungenau, weil sie nur den Standort des benutzen Sendemasten (Mobiltelefone „buchen“ sich in diese Sendemasten ein) und ggf. eine Strahlrichtung vom Sendemast zum Telefon angeben. In der Praxis ergeben sich dadurch mitunter Suchradien um 5km oder mehr, was trotz Ortung eine langwierige Suche bedeuten kann.
Die Einsatzlenker der integrierten Leitstelle für Brandschutz, Rettungsdienst und Großschadenabwehr versuchen bei dem Abfragen des Hilfesuchenden daher so viele Informationen wie möglich zu bekommen, um eine Einschätzung des Standortes vornehmen zu können.
Ist dies nicht möglich, wird die Hilfe der Polizei zur Ortung in Anspruch genommen.
Für die Leitstellen ist es übrigens sehr hilfreich, wenn der Hilfeersuchende in Wald- und Freiflächen seinen Standort mittels GPS-Koordinaten nennen kann. Dazu ist i.d.R. ein Smartphone mit GPS-Empfänger oder ein Navigationsgerät notwendig.
Für Smartphones gibt es zahlreiche App´s, die diese Informationen schnell und einfach liefern. Ich persönlich nutze für mein Android-Telefon die App „Here I am 2“, die kostenlos und auch von Laien einfach zu bedienen ist.
Die App liefert die Standortdaten in einem gebräuchlichen Koordinatensystem (geografische Daten in Grad/Minute/Sekunde), die von den Leitstellen verstanden und verarbeitet werden können. Außerdem gibt sie die ggf. auftretende Abweichung (Accuracy) in Metern an. Wer also ein Smartphone besitzt, dem kann ich persönlich diese oder eine ähnliche App für den Notfall im unbekannten Gelände sehr empfehlen.

Frage: Wie sieht hier die Zukunft aus? Auf welche Systeme können Sie und wir in Zukunft setzen?

Antwort: Nach zurzeit gültiger Gesetzeslage (TR-Notruf) sind die Telekommunikationsunternehmen verpflichtet, bei einem gewählten Notruf neben der Rufnummer auch die Standortdaten des Hilfeersuchenden an die Leitstelle zu übermitteln. Im Falle eines Anrufes über ein Mobiltelefon wird jedoch nur der Standort des Sendemasten übertragen, in dem das Handy eingebucht ist.
Diese Auswertung dieser übermittelten Daten bei einem Anruf über 112 wird der Hagener Leitstelle erst mit Inbetriebnahme der neuen Leistellentechniken am Anfang Juli 2015 zu Verfügung stehen. Erfahrung aus anderen Leitstellen zeigen jedoch, dass die übermittelten Daten meistens sehr ungenau sind, ähnlich einer Ortung durch die Polizei. Deshalb hoffen wir zukünftig auf eine Verbesserung der übertragenen Standortdaten.
Des Weiteren hat das europäische Parlament beschlossen, dass alle neu produzierten PKW ab dem 31.08.2018 mit der so genannten ECall-Technik auszustatten sind. Dieses Verfahren meldet bei einem Unfallereignis und bestimmten eingetretenen Parametern automatisch den Standort eines verunfallten PKW über den Notruf 112. Mittels einer speziellen Technik in der Leitstelle wird dieser ECall erkannt und die Standortdaten in das Einsatzleitsystem der Leitstelle übertragen.
Sicherlich ist diese neue Technik sehr sinnvoll, jedoch fehlen auch bei diesem System weitere Angaben über die Anzahl der Verletzten und das Verletzungsmuster.

Frage: Wie begegnen Sie den Gegnern solcher Systeme? Ist einen ausreichender Datenschutz gewährleistet?

Antwort: Aus persönlicher Sicht begrüße ich sinnvollen Datenschutz immer dort, wo persönliche Daten missbraucht werden könnten. Jedoch ist meiner Meinung nach im Notfall die Gesundheit und das Menschenleben das höhere Rechtsgut.
Bei allen „üblichen“ Notrufen über die 112 werden ebenfalls eine Einsatzadresse und Personendaten durch den Einsatzlenker abgefragt und dokumentiert. Neue Techniken unterstützen nur eine schnelle Rettung, bei der es um Sekunden gehen kann. Warum eine durchgeführte Ortung eines Mobiltelefons im Notfall oder ein Absetzen eines ECalls gegen persönliche Rechte verstoßen soll, erschließt sich mir persönlich daher nicht. Die Daten eines Hilfeersuchenden werden in keinem Fall an Unbefugte übermittelt, egal wie sie erfasst wurden. Auch eine Ortung von Mobiltelefonen ohne einen entsprechenden Notfall findet nicht statt.

Frage: In Hagen gibt es in den Wäldern einige Schilder (Foto) mit verschiedenen Zahlen und Buchstaben drauf. Wofür stehen diese und wie kann die Leitstelle hiermit arbeiten?

Antwort: Das Rettungspunktesystem in Hagen besteht aus 230 Schildern, die entlang an Wegen in Wald- und Naherholungsgebieten im Laufe der Jahre 2010 und 2011 aufgehängt wurden. Diese Schilder dienen mit einer aufgedruckten, eindeutigen Buchstaben-/Nummernkombination (z.B. D3-2 HA) der einfachen und schnellen Zuordnung des genauen Standortes von Personen, die sich in Waldgebieten und Freiflächen aufhalten und in einer Notsituation sind bzw. ein ähnliches Ereignis beobachten. Dazu gehören u. a. medizinische Notfälle, Kriminaldelikte und Schadenfeuer.
Im Regelfall findet man diese Schilder an Wegekreuzungen, befestigt an Bäumen oder bereits vorhandenen Wegweisern. Der Abstand zwischen zwei Schildern innerhalb eines Wander- oder Naherholungsgebietes sollte i.d.R. nicht mehr als 1000m betragen.
Darüber hinaus sind in den Leitstellen von Feuerwehr und Polizei die optimalen Anfahrtswege zu den Schildern datentechnisch versorgt, sodass im Notfall die Einsatzfahrzeuge schnell den Einsatzort erreichen können.
Die Bezeichnung auf dem Schild ersetzt im Wald quasi die Straße und die Hausnummer als Standortangabe. Der Einsatzlenker in der Leitstelle gibt nur die Bezeichnung des Schildes und eine Beschreibung der Schadenslage in das rechnergestützte Einsatzleitsystem ein und kann unmittelbar die Einsatzfahrzeuge alarmieren, die über einen Ausdruck über Alarmdrucker an der Wache die genaue Wegbeschreibung zum Rettungspunkt erhalten. Mit dem Rettungspunktesystem können wir die Hilfsfristen bei Notfällen im Wald spürbar minimieren, weil eine zeitraubende Zuordnung des Anrufers entfällt und wir den optimalsten Anfahrtsweg bereits kennen.
Die Standorte der Rettungspunkte sind auf dem digitalen Stadtplan der Stadt Hagen nach Auswahl einer Bildschirmauflösung auf der Homepage ersichtlich: http://www.hagen.de/stadtplan.
Aktiviert man dort im Menü rechts die Hagener Rettungspunkte, können weitere Informationen zum Schild und seine Koordinaten abgerufen werden, wenn auf einen Rettungspunkt auf der Karte geklickt wird.

Vielen Dank an Martin Gust für die Antworten zum Thema.

 

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